Mitten im Tod vom Leben umfangen Ostergedanken 2014 von Br. Siegbert Mayer OFMcap „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen.“ Dieser Satz aus einem der großen Choräle der Christenheit formuliert eine unbestreitbare Lebenserfahrung von uns Menschen. Mitten im Leben sind die Vorboten des Todes zu spüren: in den Erfahrungen von Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit, von innerem Leersein und tiefer Schuld, von zusammengebrochener Hoffnung und misslungener Liebe, von enttäuschtem Vertrauen und unbeantwortet gebliebenem Glauben und von Angst und Verzweiflung. Mitten im Leben reißt der Tod zudem klaffende Lücken in unseren Lebenskreis durch das Sterben von uns nahen und lieben Menschen. In all diesen unzähligen Facetten bringt der Tod uns auf die harte Wahrheit auch unseres eigenen Lebens zurück die wir sonst in unserem alltäglichen Getriebe so sehr verdrängen. Dann aber, wenn wir den vielfältigen Gestalten des Todes noch vor dem Tod in die Augen blicken, oder erst recht dann, wenn wir mit dem Tod eines uns nahen und lieben Menschen konfrontiert werden und von ihm Abschied nehmen müssen, dann können auch wir nicht mehr ausweichen. Dann müssen wir vielmehr der Wahrheit auch unseres eigenen Lebens in die Augen blicken. Dann gemahnt uns diese konstante Anwesenheit des Todes „mitten im Leben" hautnah an unsere eigene Sterblichkeit, Endlichkeit und Hinfälligkeit. Dieses konstant anwesende Lebensverhängnis haben frühere Zeiten drastisch in Wort und Bild festgehalten, beispielsweise in den mittelalterlichen Totentänzen. Heute jedoch kommen uns die Bilder, die die konstante Anwesenheit des Todes dokumentieren, tagtäglich und äußerst realistisch über die „Totentänze" am Bildschirm und in den Tageszeitungen vor unsere Augen. „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen", dies ist die harte Wahrheit unseres, Lebens und die nackte Realität unserer Weltgeschichte. Dass es dabei jedoch nicht bleiben muss, darin besteht der wahre Trost und die frohe Verheißung unseres österlichen Glaubens, der uns noch eine ganz andere Wahrheit zuspricht. Zu besonderer Geltung hat diese andere Wahrheit Martin Luther gebracht, der zu dem Hymnus aus dem 11. Jahrhundert noch zwei Strophen hinzugedichtet hat. In kühner Glaubenszuversicht kündet er den österlichen Grund des christlichen Trostes indem er ausruft: „Dreh's um! Mitten im Tod sind wir vom LEBEN umfangen." Genau darin liegt die Verheißung von Ostem, dass sie der letztlich trostlosen Wahrheit, dass wir mitten im Leben mit dem Tod umfangen sind, widerspricht und sie durchbricht mit der einzigtröstlichen Wahrheit des christlichen Glaubens, dass wir mitten im Tod vom Leben umfangen sind und zwar vom totbefreienden, ewigen Leben GOTTES selbst. Dies erfahren auch wir, wenn wir mit dem heiligen Franziskus zu JESUS gehen, der  am Kreuz hängt, wie es unser Titelbild zeigt. Ein anderes Bild, ein gewaltiges Tafelkreuzbild in der Franziskuskirche von Arezzo in Italien aus dem 13. Jahrhundert macht die Beziehung des Heiligen noch eindrucksvoller deutlich:  JESUS ist in der Hingabe seines Lebens bis zum Vergießen seines letzten Blutstropfens für die sündige Menschheit ganz und gar vom Tod umfangen. Und doch vermag Franziskus in IHM schon den Auferstandenen neu zu erspüren, indem er aus der Fußwunde trinkt wie aus einer Lebensquelle. Treffend legt die ostkirchliche Osterliturgie dem Auferstandenen folgende Worte in den Mund: „Steh auf mein Geschöpf, nach meinem Abbild geschaffen! Erhebe dich, Mensch, lass uns weggehen van hier! Du bist in mir und ich in dir Siehe die Hände und Füße, von Nägeln durchbohrt um deine Hände und Füße von der Fessel der Sünde und des Todes zu lösen“. In dem Franziskusbild vom Kreuz aus Arezzo geht es um den Ernstfall des Glaubens, den Paulus im 1. Korintherbrief so anspricht: „Ist CHRISTUS nichtauferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos“ (Kor 15,14). In der Tat, was wäre dies für eine Hoffnung, die nur für unser jetziges (kurzes) Leben trüge  und deren alleinige Kraft darin bestünde, uns dem todsicheren Ende unseres Lebens im Grab näher zu bringen?! Wir wären dann, wie Paulus mit Recht sagt, „erbärmlicher dran als alle anderen Menschen“ (1 Kor 15,19). „Mitten im Tod sind wir vom Leben umfangen“, ist das Geheimnis des dramatischen Wechsels, wie er sich durch JESUS CHRISTUS an Ostern ereignet hat. Wer an diesen österlichen Wechsel glaubt, für den beginnen die Konsequenzen von selbst zu dämmern: Christen haben eindeutig Partei zu ergreifen für das Leben gegen den Tod, und zwar noch vor dem Tod. Christen sind, weil sie ans Leben glauben, radikale Protestleute gegen den Tod. Sie können nicht mehr „Handlanger des Todes“ sein, mit dem wir mitten im Leben umfangen sind. Sie müssen vielmehr zu „Komplizen des Lebens“ werden, von dem wir sogar mitten im Tod umfangen sind. Gerade weil Christen darum wissen, dass man sterbend gar nicht mehr gegen den Tod tun, sondern nur noch auf GOTTES schöpferische Vitalität hoffen kann, wissen sie zugleich darum, dass man lebend nie genug gegen den Tod und seine Dienstboten im gegenwärtigen Leben tun kann. Damit die heutige Welt den dramatischen Wechsel vom Tod zum Leben zu glauben vermag, wie er durch Ostern ein für allemal verbürgt ist: „Mitten im Tod sind wir vom Leben umfangen“. Gehen wir, wie Franziskus, zu unserem gekreuzigten HERRN, der lebt, und trinken wir aus der Quelle, aus der reicher Segen unser Leben durchströmt. In österlichem Glauben mit Euch herzlich verbunden, Euer Bruder Siegbert
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Franziskus umarmt den Gekreuzigten. Statue bei bei der Grabstätte der Franziskaner in Ingolstadt               Foto: © Raymund Fobes